Bausoldaten – Was war das denn?

Junge Menschen, die heute in einer Zeit aufwachsen, in der es keinen Wehrdienst oder Zivildienst mehr gibt und in der die Zeit der Teilung Deutschlands in West und Ost, sprich: Bundesrepublik und DDR, Geschichte ist, können mit dem Begriff „Bausoldaten“ gar nichts anfangen. Rückblick: Jugendliche in der Bundesrepublik mussten bis zum Jahr 2011 entweder einen 15-monatigen Wehrdienst in der Bundeswehr oder aber einen 18-monatigen Zivildienst, dem ein oft als schikanös empfundenes Überprüfungsverfahren vorausging, in Altenheimen und Pflegestationen ableisten. In der DDR war die Struktur ähnlich, Soldat in der NVA, der Nationalen Volksarmee, oder eben Bausoldat. Totalverweigerer mussten in beiden Staaten mit Gefängnis rechnen. Nur die Jugendlichen in West-Berlin, dass dem Viermächtestatus unterstand, waren vom Wehrdienst befreit. Einige Totalverweigerer aus dem Bundesgebiet „flohen“ nach Berlin und meldeten sich dort mit dem Erstwohnsitz an. Das hatte allerdings zur Folge, dass sie das Bundesgebiet nicht mehr betreten durften, um nicht verhaftet zu werden. Bis zum 27. Lebensjahr mussten sie in West-Berlin bleiben.

Das schuleigene Projekt „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ lud am 31.10. zu ihrer diesjährigen Veranstaltung Dr. Stefan Wolter ein, um über das Schicksal der Bausoldaten  zu informieren. In der voll besetzten Pausenhalle der Kinzig-Schule erläuterte Wolter, dass junge Männer in der ehemaligen DDR, die den Dienst mit der Waffe in der Nationalen Volksarmee verweigerten, zu einem Ersatzdienst als Bausoldaten auf die Insel Rügen geschickt wurden. In dem ehemaligen, von den Nationalsozialisten angelegten sogenannten KdF (Kraft durch Freude)-Seebad in Prora wurden die bis zu 3000 jungen Männer kaserniert und zu Renovierungsarbeiten in den gigantischen und den damals 4,5 km langen, mehrstöckigen Häuserblockreihen herangezogen. In anderen Gebäudeteilen waren reguläre Soldaten, Volkspolizisten und Einheiten der Staatssicherheit untergebracht. Im berüchtigten Block V wurden die Bausoldaten eingesperrt und vielen Schikanen ausgesetzt. In seinem engagierten PowerPoint-Beitrag berichtete Stefan Wolter von seinem Leben als Bausoldat, der Angst vor Bestrafungen und den kärglichen Essensrationen. Seit Jahren setzt er sich dafür ein, dass die Zeit der Bausoldaten in Prora nicht vergessen wird. Denn Prora ist mittlerweile zu einem gut besuchten Urlaubsort geworden;  kurz nach der Wende war die Anlage von einem Brotbäcker für einen Euro erworben worden und zu einem modernen Seebad umgebaut worden. Die Kaserne der Bausoldaten wurde zu einer Jugendherberge. Wolter habe kein Problem damit, auch nicht damit, dass der Bäcker zum Multimillionär wurde. Es sei aber nicht hinnehmbar, dass das Schicksal der Bausoldaten ignoriert werde, weil es nicht in die bunte Welt eines Seebads passe, so Dr. Wolter am Ende seines Vortrags. Immerhin gibt es nun ein Museum, ein Denkmal und eine eigene Homepage unter www.denk-mal-prora.de.

Wir dürfen gespannt sein, welches Thema sich das Team „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“, bestehend aus Stefan Lengsfeld, Sabine Schäfer, Julia Breu und Volker Quasir, im nächsten Jahr vornimmt.

Günther Fecht

Abitur am Ubbo-Emmius Gymnasium in Leer/Ostfriesland, Studium an der Philipps-Universität in Marburg und an der University of Kent at Canterbury, Referendariat an der Schule am Ried in Frankfurt/Bergen-Enkheim, German-American-Partnership-Program with Schenectady in New York State. Auslandsaufenthalt: 4 Jahre an der ungarn-deutschen Friedrich-Schiller-Schule in Pilisvörösvár bei Budapest